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RSSPrint

Arbeitseinsätze mit jugendlichen Strafgefangenen

Der Mann vom Bau und die Jugendlichen aus der JVA

Freitag, 14:00 Uhr. Der Pfarrer parkt sein Auto vor der Reichenberger Kirche. Vier Jugendliche steigen mit aus. Sie kommen aus der Justizvollzugsanstalt Wriezen. Sie kommen zu ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen nach Reichenberg.

Für die Jugendlichen sind diese Arbeitseinsätze eine Möglichkeit, mal für ein paar Stunden rauszukommen, etwas anderes zu sehen, anderen Menschen zu begegnen, sich körperlich auszuagieren und für den einen oder anderen von ihnen sind diese Arbeitseinsätze auch ein Stück Wiedergutmachung an der Gesellschaft. Sie ahnen es nicht (oder doch?), aber diese Arbeitseinsätze werden ihnen etwas vermitteln, was für sie wichtig ist: Wertschätzung, Geborgenheit in einer Gemeinschaft fernab von Kriminalität und Menschen, die offen, kritisch und direkt auf sie zugehen.

Ohne Hans Peter Tscherniewski wäre dieses Projekt nicht denkbar. Und auch nicht ohne seine Frau. Noch vor ein paar Jahren hat er als Vorarbeiter auf dem Bau gearbeitet. Und so direkt ist auch die Art, mit der er den Jugendlichen begegnet. Zugewandt und konsequent. Klare Ansagen gibt es, wenn etwas nicht läuft und Anerkennung, wenn sich einer besonders anstrengt. Sie wissen das zu schätzen.

Ein kurzes Gespräch darüber, was die Jugendlichen in den letzten Tagen erlebt haben und dann wird die anstehende Arbeit verteilt. Maurerkellen werden ausgegeben. Der Pfarrer bekommt auch eine in die Hand gedrückt. Chef kann nur einer sein. Und bei den Arbeitseinsätzen ist das, was die praktische Arbeit betrifft, Peter Tscherniewski. Er teilt die Arbeit ein und legt nach Absprache mit dem Gemeindekirchenrat fest, was gemacht werden soll.

Nach zwei Stunden Arbeit ist Pause. Diesmal hat Ruth Tscherniewski auf der Wiese neben dem Friedhof den Tisch gedeckt. Kaffee, Kuchen, belegte Brote, ... Sie setzt sich neben ihren Mann.

Sie hört den Jugendlichen zu und sie fragt nach. Und die erzählen - mitunter erzählen sie auch von ihren Straftaten. Beide sagen deutlich, was sie davon halten. Aber die Jugendlichen sind für sie mehr, als nur die Summe ihrer (Un-) Taten. Und das erst macht das Erzählen der Jugendlichen, das macht ein Gespräch erst möglich und auch Veränderung.

Und die Beiden erzählen von sich. Und es ist zu spüren, wie sehr sie einander schätzen und lieben. Von ihrem Glauben erzählen sie wenig. Auch nicht viel davon, was ihnen Kirche, was ihnen ihre Kirchengemeinde bedeutet. Das müsen sie auch gar nicht. Das ist ohnehin deutlich. Und das imponiert den Jugendlichen.

Dass die Reichenberger Kirche in den zurückliegenden Jahren zum Großteil in ehrenamtlicher Arbeit saniert wurde und dass die Beiden dabei ganz vornean mit dabei waren und dass der Friedhof rund um die Kirche nicht immer so gepflegt war und dass auch daran die Beiden einen maßgeblichen Anteil hatten, erzählen sie auch nicht. Das erfahren die Jugendlichen aus der JVA von denen, die auf dem Friedhof sind, um die Gräber ihrer Angehörigen zu richten und die dann manchmal zu den Jugendlichen kommen, um kurz mit ihnen zu reden. Viele von ihnen gehören zu dem Kreis, den Ruth Tscherniewski um sich gescharrt hat, der die Arbeitseinsätze begleitet. Mehrere Frauen aus der Kirchengemeinde sorgen abwechselnd für die Pausenversorgung der Jugendlichen. Sie reden mit den Jugendlichen und hören ihnen zu, nehmen Anteil an ihrem Leben.

Nach zwanzig Minuten Pause trommelt Peter Tscherniewski "seine Leute" zusammen: "Jungs, kommt. Wir wollen noch was schaffen." Und schon geht es weiter mit der Arbeit. Kein Murren. Keine Diskussion. Um 19:15 Uhr ist dann Feierabend. Die Jugendlichen verabschieden sich gut gelaunt: "Bis zum nächsten Freitag." Peter Tscherniewski ruft dem Pfarrer noch ein "Bis Sonntag!" zu. "Und die Materialrechnung bringe ich nächste Wochen zum Seniorenkreis mit." Und schon sitzt er auf dem Rad. Das Vieh zu Hause muß noch gefüttert werden.

Schön für Reichenberg, dass es die Beiden gibt. Schön auch für die Jugendlichen aus der JVA. Schön, dass es viele in Reichenberg gibt, die so wie die Beiden mit anpacken, sich mitverantwortlich fühlen.

Danke Ihnen allen!

Barbara und Christian Kohler, Pfr.

 

 

Letzte Änderung am: 02.05.2015